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Ich kann nicht behaupten, dass sich der Zwang wirklich auf und davon gemacht hat. Nein. Er ist immer noch da und lauert, wie ein Raubtier, dass auf seine Chance wartet. Doch weiß ich jetzt wer auf mich da im Verborgenen wartet und lauert. Ich will auch nicht verheimlichen, dass ich ihm so manches Mal erlegen war. Aber ich weiß was zu tun ist. Das macht es nicht leichter, aber diese schreckliche Angst vor der Angst, die ist fast völlig weg. Ich bin ja immer so einer, der, wenn er im Wartezimmer des Arztes sitzt, von sich erwartet, dass es ihm gleich besser geht. Oder zumindest dann, wenn er eine Tablette genommen hat. Dreißig Jahre alte Denkstrukturen lassen sich nicht so einfach abschalten. Das fange ich jetzt gerade, zwei Jahre nach der Teilstationären Therapie, so langsam an zu begreifen.

Ich beginne mir einzugestehen, dass erst jetzt die Heilung anfängt und nicht als ich aus dem Krankenhaus kam. Erst jetzt beginne ich mein Leben wieder in die Hand zu nehmen. Zögerlich zwar und ganz vorsichtig, aber mein Denken und Handeln beginnt mich mutiger zu machen. Auch meine Familie beginnt erst jetzt zu begreifen, dass ich wieder „normal“ (normal gibt es nicht) ticke und die Probleme, die sich im täglichen Leben stellen, wieder in die Hand zu nehmen und sie zu lösen. Erst jetzt merken sie, dass ich nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit …. naja .... ausraste. Der Mann und der Vater ist wieder da ! Doch das soll nicht gleich heißen, dass Superman wieder da ist, denn den gibt es entweder nur im Comic oder im Kino. Wie geht sie noch, die Lebensphilosophie von Mr. Spock ? „Das Wohl Vieler, geht über das eines Einzeln. Aber es steht auch das Wohl eines Einzelnen über dem von Vielen.“ Hier wird, so meine ich, sehr schön gesagt, dass man zwar für andere da sein soll und seine Bedürfnisse zurück ziehen, aber es gibt auch die Zeit, wo ein Einzelner sich seinen eigenen Bedürfnissen zuwenden darf – er sogar muss ! Doch was sind seine eigenen Bedürfnisse ? Das heraus zu finden, wenn man es einmal vergessen hat, ist verdammt schwer. Also was ist das Wohl eines Einzelnen ? Das neueste iPhone ? Shoppen bis zum abwinken ? Deutschland sucht den Superstar ? Viel Geld ? Na was ist das Wohl, das aus den eigenen Bedürfnissen resultiert ? Manchmal kann das Wohl einfach nur das Geräusch von Regentropfen sein, die an die Fensterscheibe prasseln. Oder einen Sonnenauf- oder Untergang beobachten. Jetzt im Herbst die goldenen Farben des Laubes betrachten. Das Rascheln der Blätter, wenn man wie ein kleines Kind durch die Laubhaufen stapft. Oder einfach nur da sitzen und den Wolken zu schauen, oder den Wellen des Wassers am Strand.

All das bewirkt nämlich eines, dass unsere Denkmaschine einmal auf „Stand-by“ geht. Jede Festplatte muss auch einmal bereinigt werden. Defragmentiert, sagt der Fachmann dazu. Das ist nichts anderes als das Aufräumen von Gedanken. In unseren Festplatten im unseren Köpfen herrscht ein heilloses Durcheinander und wage einmal die Vermutung, das über 90% davon Datenmüll ist. Da handelt es sich um künstliche Bedürfnisse, eben all diesen technischen Tand und die Sorgen um die „Markenklamotten“ (wenn es so etwas überhaupt gibt). Wenn es nur darum geht nicht nackt auf der Straße zu stehen, dann müssen nicht edle Namen oder Symbole diese Sachen zieren. Das soll nicht heißen, dass die technische Entwicklung falsch ist. Nein ganz im Gegenteil. Handy, eMail und das Internet sind von der Idee her ganz hervorragende Dinge. Es ist leider immer nur das Negative, was (ein paar) Menschen daraus machen.

Ich will niemanden bekehren und bin ich auch nicht der, der jeden Sonntag in die Kirche geht. Doch interessieren mich die Religionen und ich beschäftige mich gerne damit. So gibt es immer wieder interessante Parallelen und das, was wir heute erleben, ist im Prinzip nichts anders, als das was im 2. Buch Mose Kapitel 32 beschrieben wird. Gemeint ist der Tanz um das goldene Kalb. Was genau damit gemeint ist, können die Theologen bestimmt besser erklären. Ich meine jedoch, dass hier keine Entwicklung und Weiterkommen sein wird, wenn man stets Dingen hinterher läuft die nur dazu da sind, damit sie Andere noch reicher und mächtiger werden lassen. Man selber entwickelt sich zurück und meint nie dieser Welt zu entsprechen und gewachsen zu sein. Das macht die Seele krank. Die Seele das bist Du, deine Persönlichkeit, dein Denken, dein Fühlen. Sicher können wir die Welt, so wie sie jetzt ist nicht komplett umkrempeln und mit einem Schlag verändern. Aber was jeder einzelne kann, ist es ein- oder zweimal am Tag inne zu halten und ganz tief in sich hinein schauen und versuchen einmal zu fühlen, was das Kind in einem fühlt. Nicht erschrecken vor den Ergebnissen. Zuerst wird einem das total abstrus und irrational vorkommen. Doch wenn man das einmal ausprobiert hat, dann wird man merken, dass da plötzlich ein Wohlgefühl ist, dass einem stärkt und wieder für das tägliche Leben fit macht. Es ist ein schönes Gefühl für einen kurzen Moment auch mal wieder Kind zusein.

Ich bin bei meiner Therapie an einem Punkt angekommen, der sich mit genau dem beschäftigt. Zuerst wusste ich gar nicht, was meine Therapeutin von mir wollte. Ich tappte wirklich im Dunklen, aber ich glaube jetzt habe ich eine Ahnung, was die neuen Übungen sollten. Mal sehen vielleicht habe ich es sogar begriffen.
Zurückblicken sage ich hier in aller Öffentlichkeit, dass ich stolz auf mich bin. Die Ereignisse der vergangenen zwei Jahre, hätte ich nie so meistern können. Es waren positive und leider auch sehr traurige Ereignisse. Alles in allem ging es die zwei Jahre bergauf. Natürlich gab es Rückschläge und Krisen, und, damit muss jeder leben, wird es sie immer wieder geben, denn sie gehören zum Leben dazu. Doch es gibt nicht schwarz und weiß, sondern unzählige Grauzonen und es gibt kein Problem über das mich nicht reden und einen Kompromiss finden kann. Auch wenn es machmal unangenehm ist. Doch nur wenn man einmal in Flamme gefasst hat, weiß man wie heiß sie ist.

Alles Liebe und Gute und niemals aufgeben, denn DAS LEBEN IST PRIMA !
Peter Michael Prestin